Wie entsteht ein Massivholztisch?

16/01/2017
Manchmal braucht es ein paar Gläser Wein, bis die wirklich philosophischen Fragen aufkommen. Und genauso passierte es am Wochenende, in gemütlicher Gesellschaft mit Freunden, als plötzlich die Frage auftauchte: „Barbara, wie macht man eigentlich einen Tisch? Oder wie wird aus einem Baum einen Tisch?“ Tja, ganz so simpel sind diese Fragen und auch die entsprechenden Antworten nicht. Deshalb habe ich beschlossen gleich einen Blogpost darüber zu verfassen. Und wem das theoretische Wissen zu wenig ist, kann gleich selber Hand anlegen und sich bei uns für einen Eigentisch-Workshop melden.

Im Wald

Der Baum – je nachdem, welche Sorte man wünscht – wächst im Schweizer Wald. Hier wird der Baum ausgesucht und gefällt, bevor er dann in die Sägerei geliefert wird. Der Baumstamm besteht aus verschiedenen Zonen mit unterschiedlichen Funktionen. Ganz innen befindet sich das tote Kernholz, bzw. das Mark des Stammes. Und ganz aussen befindet sich die Rinde/Borke als Schutz des Baumes. Das Kambium ist die Wachstumsschicht, die sich zwischen der Bastschicht und den Holzzellen befindet. Innerhalb des Kambiums, in den äusseren Jahrringen, wird das Wasser von den Wurzeln des Stammes bis in die Blätter transportiert (vgl. Fotosynthese – da war doch mal was… ;-)). Dieser Teil des Holzes wird Splintholz genannt. Bei manchen Bäumen ist dieser Splintholzteil sehr gut erkennbar, wie z. B. beim Nussbaum.



      Die Jahrringe setzen sich zusammen aus Früh- und Spätholz. Das Frühholz wird im Frühjahr gebildet, das Spätholz im Spätsommer und Herbst. Das Spätholz ist dunkler, als das Frühholz. Deshalb kann man aufgrund von Jahrreinge-Zählen schon so ungefähr sagen, wie alt ein Baum ist. Gleichzeitig erklärt es auch, warum bei Tropenholz die Jahrringe viel weniger ausgeprägt und regelmässig verlaufen, wie bei unseren Baumarten: in den Tropen haben wir nicht 4 Jahreszeiten, sondern nur eine einzige.

In der Sägerei

Nach dem Fällen des Baumes werden dem Baum meist noch vor Ort die Äste entfernt, so dass nur noch der Stamm übrig bleibt. Anschliessend werden die Stämme klassifiziert.
In der Sägerei werden die Stämme in unterschiedlich dicke Klotzbretter aufgeschnitten. Die Bretter oben und unten heissen Seitenbretter, die in der Mitte sind Kernbretter. Für uns Schreiner ist es entscheidend, ob wir ein Seiten- oder Mittelbrett verarbeiten.



 

Trocknen

Bevor der Stamm verarbeitet werden kann, muss er zwischen 1 bis 5 Jahren getrocknet werden. Durch die Abgabe von Feuchtigkeit unterhalb des Fasersättigungsbereiches, vermindert sich die Abmessung und das Volumen des Holzes. Dieser Vorgang nennen wir Schwinden, bzw. Quellen beim umgekehrten Vorgang. Die optimale Holzfeuchtigkeit für die Möbelverarbeitung liegt bei 6 bis 10%.
Aber auch dann kämpfen wir Schreiner immer wieder mit dem „Schwinden und Quellen“ des Holzes, denn bereits in einer Ferienwohnung in Arosa, kann die geänderte Luftfeuchtigkeit grossen Einfluss auf das Holz haben und es kann zu Spannungsrissen kommen.
 

In der Werkstatt

Ist der Stamm bei uns in der Werkstatt, wird er zuerst begutachtet und es wird nochmals die Feuchtigkeit des Stammes gemessen. Die Bretter werden angezeichnet und der Schreiner überlegt sich, welche Bretter für welche Teile des Tisches verwendet werden sollen: wünscht die Kundschaft ein „wilder“ Tisch mit vielen Astlöchern? Oder muss der Tisch möglichst schlicht sein? Diese Überlegungen spielen von Anfang an eine wichtige Rolle. Nun werden die Bretter an der Pendelfräse abgelängt und im Anschluss an der Besäumfräse besäumt. Das heisst, die Bretter werden längs aufgeschnitten.

 

Damit die Bretter einen rechten Winkel haben, werden sie mit der Abrichthobelmaschine abgerichtet und winklig gehobelt. An der Dickenhobelmaschine werden die Bretter auf die gewünschte Dicke gehobelt. Nun erfolgt einer der spannendsten Teile: die verschiedenen Bretter werden zusammengestellt und das Bild des Tisches wird langsam sichtbar. Natürlich muss beim Zusammenstellen die physikalische Eigenschaft des Holzes berücksichtigt werden. Auch hier muss dem Schwinden und Quellen des Holzes 1. Priorität gewichtet werden.

Eine typische Schreinerregel für das Verleimen von Vollholzflächen heisst: „Kern an Kern und Splint an Splint gestürzt“.

Jedoch darf auch der Kundenwunsch nicht unbeachtet werden, denn ob besonders lebhafte, oder eher ruhige Maserungen ästhetische Tische sind, das entscheidet die Kundschaft. In der Regel schicken wir vor dem Verleimen der Kundschaft ein Foto des zukünftigen Tisches und nach dem „Go“ der Kundschaft, wird der Tisch in einem grossen Leimständer mit speziell abbindendem Leim verleimt.

   

Nach der Trocknungszeit werden die Leimreste grob entfernt. Mit Hilfe unserer äusserst genauen Breitbandschleifmaschine wird die Tischplatte kalibriert, das heisst sie wird auf Zehntel-Millimeter genau plan geschliffen. Um ein Verziehen der Tischplatte zu verhindern, wird die Platte auf der Unterseite mit der CNC-Maschine bearbeitet und es werden Nuten eingefräst. Je nach Kundenwunsch und Anordnung der Tischfüsse, bzw. Ansteckplatte werden die Tischplatte und deren Kanten zusätzlich maschinell, bzw. von Hand bearbeitet.
Um die Oberfläche des Holzes gut zu schützen, wird die Tischplatte zum Schluss mehrmals geölt (oder lackiert) und zwischengeschliffen (siehe Blogpost Lackieren oder Ölen). Je nachdem werden Astlöcher mit Harz ausgefüllt. Zum Schluss werden die Tischbeine oder das Tischgestell an der Tischplatte mit Beschlägen befestigt und der fertige Tisch wird zur Kundschaft geliefert.  



 
Und, sind Sie gluschtig geworden? Möchten auch Sie einen neuen Massivholztisch, der in unserer Werkstatt produziert wird? Oder haben Sie vielleicht sogar Lust selber mit zu schreinern? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf. Schon ab 3h können Sie aktiv mithelfen Ihren Tisch zu schreinern und Schreiner-Luft schnuppern.

Über die Autorin

Barbara Hüsser
Barbara Hüsser
Geschäftsführerin von Hüsser Innenausbau und passionierte Schreiner-Bloggerin. Nach der Matura zunächst Studium an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz bis zum Abschluss als Sekundarlehrerin. Nach kurzer Lehrertätigkeit, Einstieg in den Schreinerberuf mit der Lehre zur Schreinerin. Parallel dazu Ausbildung am Schweizerischen Institut für Unternehmensführung zur Betriebswirtschafterin. Barbara Hüsser führt den 1913 gegründeten Familienbetrieb Hüsser Innenausbau in der vierten Generation.

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