Kletter-Rutsche für kleine Bewegungskünstler

27/06/2018
Kinder entwickeln ihre motorischen und emotionalen Fähigkeiten fast ausschliesslich im Spiel. Sie lieben Rutschbahnen, Rollenspiele, klettern und wippen gerne. Gleichzeitig fordern uns Kinder immer wieder mit ihrem Bewegungsdrang. Auf der Suche nach dem idealen Spielzeug, das auch drinnen verwendet werden kann, inspirierte Emmi Pikler die Schreinerwelt. Die ultimative Kletter-Rutsche hat den Härtetest bestanden. Ein tolles Gadget für bewegungsfreudige Kids!

Wie so manches Elternpaar tauschten auch mein Mann und ich uns in der Schwangerschaft darüber aus, wie wir unsere Kinder derweil erziehen würden. Wir meinten zu wissen, was wir bestimmt NIE machen würden und wo wir dann aber ganz konsequent sein werden. Und ja, wir dachten auch, dass mit einer klaren Linie, strikten Regeln und der nötigen Gelassenheit Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten doch gar nicht so schwierig sein würde…

…weit gefehlt!

Heute, zwei Kinder später, haben wir unsere Vorstellungen von damals an vielen Stellen abgeschwächt und an einigen total revidiert. Zum Beispiel mussten wir erfahren, dass Babybreis den Sprösslingen auch in gekaufter Form schmecken – manchmal sogar besser, als die selber sanft dampfgegarten Bio-Demeter-Versionen. Oder ein quengelndes, schreiendes, tobendes Kind im Einkaufszentrum nicht immer gleich häusliche Gewalt bedeutet. Dachten wir noch, der Nuggi sei Teufelszeug, geraten wir heute schon fast in Panik, wenn wir in der Nacht nur 4 fluoreszierende Schnullers im Bett finden können (einen für die linke Hand, einen für die rechte Hand, einen als Reserve, der vierte als Reserve für den dritten und den fünften…). In die gleiche Kategorie gehört das mit dem «Alle Kinder sollen in ihrem eigenen Bett schlafen». Denn heute gilt für uns: egal wo, egal wann, egal wie – Hauptsache jedes Mitglied der Familie erhält so viel Schlaf wie möglich. Was noch… Ja, genau, ich dachte, Schokolade und Zucker brauchen die Kinder nicht. Stimmt. Aber ich. Und wenn man beim Naschen erwischt wird, wie erklärt man dann der Tochter, die einem mit zwei hellblauen Hundeblickaugen anblinzelt, dass ich nicht teilen möchte…?

Die Liste könnte noch endlos ergänzt werden. Aber worauf ich eigentlich hinaus möchte, vieles sehen wir heute viel entspannter und Ansichten haben sich relativiert. Aber mindestens ein Grundsatz, der gilt bis heute in unserer Familie. Wir finden, die Kinder sollen sich ihrem natürlichen Bedürfnis entsprechend viel bewegen dürfen und möglichst häufig draussen spielen können.

Mit Birkensperrholz zum multifunktionalen Gadget

Dumm nur, wenn dann der erste regenreiche Novembertag Einzug hält. Es kostet alle Familienmitglieder enorm Überwindung, die gefühlten zehn Kleiderschichten anzuziehen und dann in den Gummistiefeln draussen zu frieren. Nun aber gehören unsere Kids und deren Freunde nicht zur Kategorie «Mein Kind kann stundenlang still sitzen und Mandalas ausmalen», sondern es sind gewisse Bewegungsenergien spürbar. Was tun? Natürlich, es gibt Indoor-Spielplätze, aber die kosten ein Vermögen – und starke Nerven. Also machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Indoor-Spielgerät, das vielseitig einsetzbar ist, in die Wohnung passt und natürlich lange für die Kinder spannend bleibt. Emmi Pikler, die ungarische Kinderärztin und Reformpädagogin hat mich dann inspiriert. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand immer die Erforschung der menschlichen Bewegungsentwicklung. Der Ansatz von Pikler im Sinne von «Jedes Kind hat sein eigenes Zeitmass der Entwicklung» überzeugt uns als Familie. Denn die zahlreichen Förder- und Unterstützungsangebote bereits schon für Kleinkinder befremden uns ein bisschen. Oder werden alle 2jährigen zu Intelligenzbestien und Turntalenten, weil sie Kurse in PEKIP, Babyschwimmen, Kinder-Yoga, Englisch oder musikalischer Frühförderung absolviert haben? Okay, anderes Thema… Auf alle Fälle, haben wir ein etwas anderes Verständnis davon, wie sich unsere Kinder motorisch und geistig entwickeln und wir sehen das gleich wie Emmi Pikler: alles zu seiner Zeit.

Nach ein paar Recherchen, präsentierte mir Google dann das Kletterdreieck von Emmi Pikler. Die Adaption als Kletterbogen mit passender Rutschbahn überzeugte mich vollends und sogleich folgte ein Lehrlingsauftrag in unserer Schreinerei. Um die Stabilität zu gewährleisten sollte der Bogen aus Sperrholzplatten gefertigt werden. Leider bedeuten krumme Teile auch immer viel Verschnitt. So wurden gleich 3 Bögen in Auftrag gegeben: für unsere Familie, meinen Gotti-Bueb und für die Ausstellung – wenn Mami und Papi sich gerade für eine neue Küche beraten lassen. Der Bogen soll möglichst natürlich bleiben: kein Schnickschnack und keine Oberflächenbehandlung. Einfach Birke, so wie sie ist. Meine Tochter bemängelte aber, dass die Rutschbahn gar nicht gut flutscht. Also wurde diese dann doch noch stumpfmatt lackiert. Der Sprossenabstand des Bogens, aber auch der Leiter müssen natürlich stimmen und die Schrauben sollen sauber versenkt werden, damit keine Verletzungsgefahr besteht. Die Rutsche ist beidseitig einsetzbar. Mit Sprossen ist es eine Leiter und umgekehrt dann eben eine Rutschbahn, die eingehängt werden kann.

   

Die Kletter-Rutsche als Verwandlungskünstlerin

Bald ist es dann so weit und ich darf die fertige Version der Kletter-Rutsche meiner Tochter präsentieren. Ihr gefällt‘s. Sehr sogar. Und ihren Freunden auch! Die Kleinen erklimmen die Sprossen, rutschen runter und das natürlich dann auf der für sie passenden Höhe. So trainieren sie das Gleichgewicht, aber noch viel wichtiger, sie werden mutig, entwickeln Strategien, merken wo es Probleme gibt und helfen sich sogar gegenseitig. Der Bogen dient also nicht nur der motorischen Entwicklung, sondern auch der Selbstwahrnehmung und unterstützt das kreative, eigenständige und fantasievolle Spiel. Denn fluggs wird der Bogen umgedreht, dient er als Wippe. In liegender Form bildet der Bogen eine Theke und die Kinder spielen „Verchäuferlis“ und „Post“. Oder mit Hilfe von Tüchern verwandelt sich das Klettergerüst in eine Höhle, Hundehütte, in ein Spital oder Zelt. Sogar der kleine Bruder profitiert vom Kletterbogen: hängt man an die Sprossen verschiedene Spielsachen und Nuschis kann man das Baby während Stunden… nein, das stimmt nicht… aber während einigen Minuten, staunen lassen.

   

Wirklich, die Kletter-Rutsche ist schon ein cooles Gadget. Und toll finde ich, wie kreativ die Kids damit spielen können. Aber, um ehrlich zu sein, auch mit der Kletter-Rutsche, bleibt die Kindererziehung eine Challenge. Und das ist auch gut so!

Über die Autorin

Barbara Hüsser
Barbara Hüsser
Geschäftsführerin von Hüsser Innenausbau und passionierte Schreiner-Bloggerin. Nach der Matura zunächst Studium an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz bis zum Abschluss als Sekundarlehrerin. Nach kurzer Lehrertätigkeit, Einstieg in den Schreinerberuf mit der Lehre zur Schreinerin. Parallel dazu Ausbildung am Schweizerischen Institut für Unternehmensführung zur Betriebswirtschafterin. Barbara Hüsser führt den 1913 gegründeten Familienbetrieb Hüsser Innenausbau in der vierten Generation.

Antwort hinterlassen